Internationale Herder-Gesellschaft

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Herder und der Naturalismus: Philosophie, Geschichte, Sprache, Religion

Konferenz der Internationalen Herder-Gesellschaft

Ottawa, 31. Juli - 2. August 2020

Zwar hat Herder selbst den Terminus nicht verwendet, indessen ist es allgemein akzeptiert, dass Geist und Gehalt seines Denkens als „Naturalismus“ charakterisiert werden können. In Anbetracht der vielfältigen Bedeutungen dieses Begriffs hält man sich zunächst am besten an die weite Bestimmung, dass damit Theorien erfasst sind, die „Natur“ zur Grundlage und Norm aller Erscheinungen, auch in der Geschichte, Kultur, Moral und Kunst erklären. (Gawlick) Im Licht dieser weiten Fassung stellt sich für die Erschließung von Herders Werk zwei Fragen: Erstens, was heißt „Natur“, und zweitens, im Gegensatz zu welchen anderen Gründen oder Normen erfolgt die Berufung auf Natur?
Offensichtlich ist es der Gegensatz zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen oder Göttlichen, der in vielen von Herders Schriften eine entscheidende Rolle spielt. Als Beispiel für eine naturalistische Erklärung in diesem Sinne mag hier auf Herders berühmte Widerlegung von Süßmilchs These vom göttlichen Ursprung der Sprache und seine eigene Lehre eines menschlichen Sprachursprungs verwiesen werdenm (Abhandlung über den Ursprung der Sprache, 1772). Gleichwohl hat Herder in der Vorrede zu den Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784-1791)– jenem Werk also, in dem er seine naturalistischen Theorien am genauesten ausgearbeitet hat – den Leser angehalten, sich durch den häufigen Gebrauch des Terminus Natur nicht irreführen zu lassen, denn „[d]ie Natur ist kein selbständiges Wesen; sondern Gott ist Alles in seinen Werken.“
Zu fragen ist daher, was heißt Natur für Herder? Seine Identifikation von Gott und Natur darf nicht in dem Sinne verstanden werden, dass damit die Auffassung gemeint ist, Gott interveniere direkt in das Geschehen der Welt – wie schon seine These vom menschlichen Sprachursprung beweist. Vielmehr konzipiert Herder eine solche Beziehung zwischen Gott und Welt, für die der Begriff der Kraft zentral ist, und diese Auffassung ist für seine Art von Naturalismus kennzeichnend. Wie die neuere Forschung zeigt, hat Herder in Texten und Abhandlungen seit den 60er Jahren seine Konzeption eines dynamischen Universums und seine Theorie der organischen Kraft formuliert, die – systematisch ausgestaltet – in den ersten beiden Teilen der Ideen und in der spinozistischen Schrift Gott: einige Gespräche (1787) der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Gott wird als dasjenige Wesen begriffen, das sich selbst realisiert, indem es seine einzige, ursprüngliche und ungeteilte Kraft in und durch das von ihm geschaffene Universum zum Ausdruck bringt, dessen Elemente die durch Anziehung und Abstoßung im engeren und weiteren Sinne wirkenden Kräfte bilden. Wie bei seinem Mentor, dem vorkritischen Kant kann man zweifellos auch bei Herder eine Lehre von der Entstehung und Entwicklung der materiellen Welt durch das Wirken materieller Kräfte der Attraktion und Repulsion nach physikalischen Gesetzen erkennen. Aber Herders Naturalismus geht über eine rein materialistische Erklärung hinaus. Unter dem Einfluss Shaftesburys und geleitet durch seine Interpretationen von Leibniz und Spinoza wird der Begriff des Lebens zum metaphysischen Grundbegriff seiner Lehre von der Natur. Dieselbe göttliche Ur-Kraft lässt beides, physikalische und organische, materielle und durch Attraktion und Repulsion wirkende Kräfte ebenso wie Vorstellungskräfte entstehen, die aufgrund ihrer ontologischen Gleichartigkeit in Wechselwirkung miteinander stehen können, sodass damit ein Influxus zwischen Leib und Seele gedacht werden kann, wie er in der Physiologie und der Epigenesis-Theorie vertreten wird.
Dieser entschiedene Anti-Dualismus prägt auch Herders Epistemologie wie die Schrift Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele (1774, 1775, 1778) zeigt, die den Gegensatz von Empfinden und Erkennen verwirft, um stattdessen die Idee eines Kontinuums von Reiz, dunkelsten Empfindungen der Nerven bis hin zum abstraktesten rationalen Wissen vorzustellen und zu begründen. Herders spezifische Beiträge zur so genannten Rehabilitation der Sinnlichkeit in der Aufklärung, die bis zu seinem Versuch über das Sein aus dem Jahr 1763 zurückreichen, verraten den Einfluss von Rousseau und Hume – vor allem dessen Forderung, Philosophie als Wissenschaft von der menschlichen Natur zu betreiben, schlägt sich bei Herder nieder. Damit ist – wie gerade die jüngere Herder- Forschung herausstellt – ein weiterer wichtiger Aspekt von Herders Naturalismus benannt: seine Fokussierung auf den Menschen, die in seinem Postulat „Einziehung der Philosophie auf Anthropologie“ (Wie die Philosophie zum Besten des Volkes allgemeiner und nützlicher werden kann, 1765) eindrucksvoll zur Sprache kommt. Im Zentrum dieses Verständnisses von Herders Naturalismus steht seine Auffassung vom Menschen als Wesen der Sprache, das in Interaktionen mit seinesgleichen und mit seiner Umgebung Bedeutungen und Werte hervorbringt, die ihm Orientierung in Kunst, Literatur, Musik, Sitten und Gebräuchen, aber auch in Wirtschaft und Politik und sogar in der Religion bieten. In diesen Formen menschlichen Selbst- und Weltverständnisses konstituieren sich die verschiedenen Kulturen, die ihrerseits historisch verstanden werden müssen als entstehend, sich entwickelnd und vergehend in Raum und Zeit. Herders naturalistisches Verständnis von menschlicher Geschichte ist in dieser Sicht nicht nur von dem Gegensatz natürlich/übernatürlich (gemeint ist die Intervention Gottes in die Welt), sondern auch von dem zwischen natürlich und vernünftig bestimmt – jedenfalls dann, wenn „vernünftig“ in diesem Kontext bedeuten soll, dass es übergreifende rationale Prinzipien gibt, die in der menschlichen Geschichte wirksam sind. Herders viel gelobte organische Theorie der Kultur, wonach jede Kultur ihr eigenes Gravitationszentrum hat, widerspricht der in seinem Pamphlet von 1774 Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit kritisierten Form optimistischer Geschichtstheorie, für die jede Epoche nur eine Etappe in jenem unaufhörlichen Fortschreiten der Vernunft darstellt, das sich schließlich im Zeitalter der Aufklärung vollendet.
Herders Naturalismus ist ein außerordentlich reiches und vielseitiges Forschungsfeld, das nahezu alle Bereiche seines Denkens und Werks umfasst: seine Konzeption von Natur, seinen Begriff von Kraft, die Philosophie des Lebens, die Theorie menschlicher Natur und Sprache, sein Verständnis von Natur- und Menschheitsgeschichte und schließlich seine Theologie und Religionsphilosophie. Es versteht sich, dass die hier vorgestellten Thesen nur als mögliche Gegenstände von Diskussionen auf einer Konferenz aufzufassen sind, die idealerweise sowohl Interpretationen zu Herders Naturalismus vorstellt als auch die damit verbundenen inneren Spannungen, Widersprüche und Probleme beleuchtet. Es versteht sich ebenso, dass außer den hier genannten noch zahlreiche andere Themen von Interesse für die Erforschung dieses Themas sein werden. Das Folgende dient daher nur dazu, den Prozess der Auswahl und Profilierung von Themen zu erleichtern, die in dem durch die Teilgebiete Philosophie, Geschichte, Sprache und Religion gesteckten Rahmen angesiedelt sind.

  • Herders Konzeption von Natur: ihre Beziehungen zu zeitgenössischen Debatten über Vitalismus, Mechanismus, Materialismus; aber auch ihre Beziehungen zu Herders Quellen: Shaftesbury, Leibniz, Spinoza, Kant und Lambert vor allem. Von Interesse sind sowohl epistemologische als auch ontologische und theologische Fragestellungen.
  • Herders Darstellung der menschlichen Natur: das Leib-Seele-Problem, die Rolle der Physiologie, seine Zurückweisung der Vermögenspsychologie mit ihren scharfen Grenzziehungen, seine Umkehrung der traditionellen Sinneshierarchie zugunsten des Gefühls (tactus), seine Betonung der unteren Seelenkräfte und des Vorrangs der Sinnlichkeit.
  • Herders Theorie der Sprache, die Lehren vom menschlichen Ursprung der Sprache und ihrer Entwicklung nach natürlichen Gesetzen in den menschlichen Kulturen ( II. Teil der Abhandlung über den Ursprung der Sprache). Seine Ausführungen zum Zusammenhang zwischen Sprache, Denken, Ausdruck und kultureller Differenz. Die Rolle der Sprachphilosophie in seiner späten Metakritik an Kants Philosophie und die methodologischen und epistemologischen Neuerungen, die Herder im Vergleich zur Schulphilosophie in Ansatz bringt.
  • Herders Philosophie der Geschichte in den vielfältigen Dimensionen, wie sie hauptsächlich in seiner Schrift Auch eine Philosophie der Geschichte und seinen Ideen ausgearbeitet sind. Das Problem, ob oder in welchem Sinne Herder eine naturalistische Theorie der Geschichte vertritt, ob es nicht nur eine Spannung, sondern sogar einen Widerspruch zwischen der Konzeption einer in die Natur eingeordneten Menschheitsgeschichte und dem theologisch unterbauten Konzept der Humanität gibt (vgl. Ideen, Buch XV, Kapitel 1).
  • Herders Ästhetik, beginnend mit der kritischen Diskussion von Baumgarten und den Plänen für eine Ästhetik, die die unteren Kräfte der Seele und die sinnliche Erkenntnis in ihrer Eigenart angemessen zur Darstellung bringt. Herders Verbindung der Sinne des Gesichts, Gehörs und Gefühls mit den entsprechenden Künsten Malerei, Musik und Bildhauerei. Seine gründliche, die jeweiligen Kontexte berücksichtigenden Analysen zu den Idealen des Schönen und zu den Prinzipien seiner Beurteilung durch den Geschmack, wie sie sich in der Zeit entwickeln und verändern, aber auch in verschiedenen Kulturen variieren. Seine Kritik an der Auffassung von einem eigenständigen Geschmackssinn analog zum moralischen Gefühl.
  • Herders Bezugnahmen auf Religion, deren Bedeutung für sein Denken durch die großen Abhandlungen über religiöse Texte, seinen Predigten und seinen Amtsgeschäften demonstriert ist, die aber hinsichtlich der – wie auch immer genau zu bestimmenden – Dimension von Transzendenz zu seinen Versuchen, Religion und religiöse Texte als Produkte oder Phänomene des Menschseins zu verstehen, mindestens in Spannung stehen. Herders Konzeption von Gott in seinen philosophischen und theologischen Schriften ebenso wie seine Interpretation von Gottes Verhältnis zur Schöpfung und zur Geschichte der Menschheit, insbesondere seine Lehren zum Verhältnis zwischen Offenbarung und Geschichte.

Bitte senden Sie das Exposé Ihres Vortrags (500 Worte einschließlich Name, Titel, gegebenenfalls Universität oder Institut, Email-Adresse) unter dem Betreff „IHS 2020“ bis zum 15. Dezember 2019 an ndesouza@uottawa.ca (Nigel DeSouza). Benachrichtigungen über die Annahme der Vorträge werden bis zum 15. Januar 2020 versendet.

Die Konferenzgebühr beträgt $ 75 Canadian (für Studenten $ 40).

 

 

Call for Proposals

Herder Jahrbuch XV / 2020

Hrsg. v. Rainer Godel und Johannes Schmidt

Das Herder Jahrbuch / Herder Yearbook erscheint als Organ der Internationalen Herder-Gesellschaft / International Herder Society (IHG) im Zwei-Jahres-Rhythmus. Der nächste Band wird im Herbst 2020 erscheinen. Im Zentrum des Jahrbuchs stehen Beiträge zu Werk und Wirken Johann Gottfried Herders (1744–1803). Daneben bietet das Jahrbuch auch Artikel, die Texte und Kontexte von Herders Zeitgenossen zu erhellen vermögen. Schließlich werden auch Aufsätze zur Rezeption und Wirkung Herders, vom 18. bis in das 21. Jahrhundert, berücksichtigt.

Das Jahrbuch ist offen für aktuelle Forschungsbeiträge aus einer Vielzahl von Disziplinen, darunter, aber nicht abschließend, Literatur- und Sprachwissenschaften, Philosophie, Geschichtswissenschaften, Wissenschaftsgeschichte, Kulturwissen-schaften. Beitragsvorschläge können jederzeit in englischer, deutscher oder französischer Sprache eingereicht werden. Beim Herder Jahrbuch handelt es sich um eine begutachtete Publikation. Alle eingehenden Manuskripte werden durch mindestens zwei Gutachter in anonymisierter Form gründlich geprüft.

Die Herausgeber des Herder Jahrbuchs, apl. Prof. Dr. Rainer Godel (Leopoldina) und Prof. Dr. Johannes Schmidt (Clemson University), erbitten derzeit Vorschläge für Artikel (in Ausnahmefällen auch auch für Rezensionen). Eine Vorabstimmung möglicher Themen mit den Herausgebern sollte bis spätestens 31. August 2019 stattgefunden haben; die endgültigen Artikel – bitte beachten Sie dabei das aktuelle stylesheet –müssen bis spätestens 15. Dezember 2019 vorliegen, um dem Review-Prozess genügend Zeit zu geben. Die Akzeptanz eines vorgeschlagenen Themas durch die Herausgeber bedeutet noch nicht die Aufnahme des Artikels. Im Jahrbuch werden nur Artikel aufgenommen, die sowohl als adäquat und sachgemäß befürwortet wunden, als auch dem hohen Qualitätsstandard des Jahrbuchs entsprechen, der durch das anonymisierte Begutachtungsverfahren sichergestellt wird. Dieses Verfahren entspricht prinzipiell dem Standard des anglo-amerikanischen „double-blind peer-review“-Verfahren.

Weitere Details zum Herder Jahrbuch finden Sie hier oder im direkten Kontakt mit den Herausgebern

Rainer Godel (Rainer.Godel@leopoldina.org),

Johannes Schmidt (schmidj@clemson.edu)

 

 

 


 

 

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