Internationale Herder-Gesellschaft

Call for papers

 

Herder und das 19. Jahrhundert

Konferenz der Internationalen Herder-Gesellschaft in Turku,

8. bis 10. Juni 2018

 

 

 

   Herder wurde traditionell als Vorläufer und „Anreger“ mehrerer geistiger Strömungen des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts dargestellt, aber von keiner als ihre zentrale Figur in Anspruch genommen. So schreibt zum Beispiel Herrmann Hettner: „So tief wirkte Herder auf seine Zeit nach allen Richtungen, daß die große Dichtung Goethes und Schillers, die sogenannte romantische Schule, die Philosophie Schellings und Hegels ohne das Vorangehen Herders gar nicht gedacht werden kann.“ Das Besondere an dieser Wirkung war aber, dass kaum jemand seine Verpflichtetheit Herder gegenüber offen zugestanden hat. Heute wissen wir, dass für dieses „Vergessen“ besondere Gründe vorlagen: vor allem die Kontroverse mit Kant. Als Kant, die höchste Autorität in Sachen Philosophie und Wissenschaftlichkeit, Herder nicht nur als den Vertreter einer obsoleten Metaphysik, sondern auch als überhaupt unfähig für einen seriösen philosophischen Diskurs abgestempelt hatte (siehe H. Adler; Zammito), wer konnte sich da noch als ein Anhänger Herders bezeichnen?
   Das Schweigen der Nachkommen über ihre Abhängigkeit gegenüber Herder macht die Erforschung seiner Wirkung und seines Einflusses schwierig. Die methodische Frage, wie man einen Zusammenhang bzw. eine Einwirkung nachweisen kann, wenn der Name Herders nicht erwähnt wird, liegt auf der Hand. Die Teilnehmer der Konferenz werden dennoch aufgefordert, es zu wagen, neben der offenen Auseinandersetzung mit seinem Werk die verdeckte Präsenz Herders in der intellektuellen Szene des 19. Jahrhunderts zu ihrem Forschungsthema zu machen. In dieser Frage lassen sich folgende Teilaspekte unterscheiden:
   Wie hat Herder in der Philosophie des 19. Jahrhunderts weitergewirkt? Was für eine Rolle hat sein Monismus in den Bemühungen der Nach-Kantischen Philosophie gespielt, die Kluft zwischen theoretischer und praktischer Vernunft, bzw. den Reichen der Notwendigkeit (Natur) und der Freiheit (des Menschen), zu überbrücken? Wie hat die durchgehende Historisierung des Denkens bei Herder in der Betrachtung der Geschichte und in der Auffassung der Vernunft und des Menschen in der folgenden Generationen weitergelebt? Speziellere Fragen zur Philosophie nach Herder könnten u. a. die folgenden sein: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Herders Ansicht vom Gefühl als dem grundlegendsten Sinn, durch den wir uns selbst als etwas von der Umwelt Abgeschiedenes gewahr werden, und der ähnlichen Funktion des Gefühls bei den Frühromantikern (M. Frank)? Wie verhalten sich Schellings und Hegels Begriffe des Absoluten zu dem Spinozismus Herders? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Herders und Nietzsches epistemologischer Skepsis? Wie lässt sich Herder in die Geschichte der „Historisierung der Epistemologie“ einordnen? Herders Philosophie steht in einem inneren Zusammenhang mit seiner Anthropologie, und es ließe sich fragen, welche Autoren und Diskussionen im 19. Jahrhundert in deren Rezeption im 20. Jahrhundert (A. Gehlen) mitgewirkt haben (siehe Marino 2008 u. 2009). Was für Spuren hat Herders Geschichtsphilosophie in der Geschichtsphilosophie und dem Geschichtsdenken des 19. Jahrhunderts hinterlassen? Inwieweit lässt sich Friedrich Schlegels Ansicht der Moderne mit dem Herderschen Ideengut verbinden? Wie ist die Beziehung zwischen Herders und Hegels Geschichtsphilosophie? Wie wurde seine Geschichtsphilosophie im Ausland – zum Beispiel in Frankreich (Edgar Quinet) – rezipiert? Welchen Einfluß hat Herder auf die Geschichtsschreibung des Jahrhunderts, z.B. bei Leopold von Ranke?
  Welche Bedeutung haben Herders Ästhetik und Theorie der Künste für das ästhetische und kunsttheoretische Denken des 19. Jahrhunderts? Wie lassen sich z. B. die Begriffspaare poetisches – prosaisches Zeitalter,  natürliche („naive“) – künstliche („sentimentale“) Poesie (Dichtung) in ihrem jeweiligen Kontext beschreiben? Inwieweit wirkt Herders gehaltästhetisches Denken, seine Ansicht von Kunst als sinnlichem Ausdruck bzw. Objektivation des Geistigen, im ästhetischen Denken des Jahrhunderts fort? Die historische Ansicht der Literatur war eine Grundvoraussetzung für die Entstehung der modernen Literaturwissenschaft als Literaturgeschichte am Anfang des 19. Jahrhunderts. Es lässt sich vermuten, dass Herders Ansatz, der die historische Variabilität und die historische Bedingtheit der Literatur hervorhob, hier richtungsgebend gewirkt hat; wie das geschehen ist, ist aber noch nicht eingehend geklärt worden. Inwiefern gründen Friedrich und August Wilhelm Schlegel hier auf Herder, inwiefern zum Beispiel Gervinus? Die Frage der Literaturgeschichtsschreibung lässt sich von der Frage der Prinzipien der Literaturkritik nicht trennen; auch hier soll nach dem Umgang mit den Herderschen Prinzipien gefragt werden.
  Die Frage „Herder und die Philologie des 19. Jahrhunderts“ überschneidet sich mit der Frage nach seiner Einwirkung auf die Literaturgeschichtsschreibung. Versteht man unter Philologie ein Studium, in dem der sprachgeschichtliche, der historische und der ästhetisch-künstlerische Ansatzpunkt in der Erforschung alter Texte zusammenspielen, so ist Herder eindeutig jemand, der u. a. mit seinem Interesse für altgermanische/altangelsächsische Literatur Interesse für dieses Gebiet aufweist und Anregung zu dessen Erforschung gibt. In welcher Weise Herders Betonung der Historisierung des Denkens, seine Sprachtheorie und seine Hermeneutik (Irmscher) in der klassischen und in den neueren Philologien, in der Sprachtheorie und -geschichte und in der hermeneutischen Theorie weitergewirkt haben, sollte der Untersuchung wert sein. Können wir Wilhelm von Humboldts Idee der Sprache als ergon und als energeia anders als Herder’sches Erbe verstehen? Ist in Jacob Grimms Absicht, in seiner Deutschen Grammatik, „ein historisches Leben mit dem Fluß freudiger Entwickelung“ zu beschreiben, Herders Stimme hörbar? Wie verhalten sich Herders Ansätze zur Hermeneutik zu der Hermeneutik des 19. Jahrhundert von Friedrich August Wolf und Friedrich Ast bis zu Dilthey? Letztlich kann die Frage „Herder und die Philologie des 19. Jahrhunderts“ auch umgekehrt als eine Frage der Herder-Philologie verstanden werden: Welche ist die Veröffentlichungsgeschichte von Herders Werken im 19. Jahrhunderts und wie hat diese auf das Herder-Bild und die Herder-Rezeption gewirkt (siehe Renner 2016)?
    Herders Interesse für das Sammeln von Volksdichtung mag eine entscheidende Anregung für die Entstehung der Folkloristik gewesen sein. Seine Ansicht, dass wertvolle Dichtung auch unter den „ungebildeten“ Völkern zu finden ist, war kulturpolitisch äußerst wichtig und bekam eine große politische Bedeutung unter mehreren kleinen Nationen im Nord- und Südosten Europas, denen staatliche Selbständigkeit fehlte. Die „Entdeckung“ von Volkspoesie, insbesondere der „Nationalepen“ wie des finnischen Kalevala, des estnischen Kalevipoeg und des lettischen L??pl?sis, wurde als ein Beweis der kulturellen Eigenständigkeit dieser Nationen aufgefasst, die in den Anspruch auf politische Unabhängigkeit münden konnte. Herder wurde so auch mit den nationalistischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. In der Folge wurde er gar als ein chauvinistischer Nationalist dargestellt, und deshalb wäre es wichtig, seine tatsächliche Einwirkung auf die nationalen (oder auch nationalistischen) Bewegungen des Jahrhunderts zu erforschen. Das Thema „Herder und die Politik“ wäre aber auch in einem ganz anderen Zusammenhang, nämlich in dem der Demokratiebewegung zwischen 1830 und 1848, etwa unter dem Stichwort „Herder und die Generation der Paulskirche“, ansprechbar.
  Herders große Bedeutung für die Entstehung eines neuen poetischen, theoretischen und historischen Interesses für Mythologie am Ende des 18. und im 19. Jahrhundert hat schon Fritz Strich erwiesen. Herders Ansicht von der Mythologie eines Volkes als poetischem Ausdruck von dessen grundlegenden Ansichten der Welt, der Götter und des Menschen lebte nicht nur in der Dichtung der Romantiker, sondern auch in Schellings und Hegels Denken weiter und bildete die Grundlage für die historische und ethnographische Mythenforschung des 19. Jahrhunderts. Schließlich sollte man fragen, wie Herder in der Theologie des 19. Jahrhunderts weitergewirkt hat: Wie wurden seine Deutungen des Alten und Neuen Testaments rezipiert und weiterentwickelt, wie haben seine Homiletik und seine Ansichten zur Ausbildung eines Geistlichen weitergewirkt? Man sollte natürlich auch seine allgemeinen Ideen zur Pädagogik und Bildung nicht außer Acht lassen: Was war zum Beispiel Humboldts Bildungsreform anderes als praktisches Durchsetzen des Herder’schen Ideenguts?
   Die vorgelegte Liste macht keinen Anspruch auf Vollkommenheit; ihre Absicht ist vielmehr, zu zeigen, dass unter dem Titel „Herder und das 19. Jahrhundert“ eine Fülle wichtiger Ansätze besprochen werden können.

  Vortragsvorschläge sollten bis zum 20. September 2017 an liisa.steinby@utu.fi gesendet werden. Versehen Sie Ihre E-mail bitte mit dem Betreff „Herder-Konferenz“ und nennen Sie in Ihrem Abstract von bis zu 500 Wörtern den Titel des Vortrags, Ihren Namen, Ihr Institut sowie Ihre E-Mail-Adresse.
Über die Annahme Ihres Vorschlags werden Sie bis zum 31. Oktober 2017 informiert werden.
Die Konferenzgebühr beträgt 90 Euro (Studenten 50 Euro) und deckt die Teilnahme an der Konferenz sowie einige der Mahlzeiten.

 

 

 


 

zum Seitenanfang

English German